Diese Betrachtung hat die volle Wertschätzung der bestehenden spirituellen und geistlichen Angebote, die alle einen wertvollen Dienst für diejenigen leisten, die es in Anspruch nehmen. Auf diesem Hintergrund sei es erlaubt, welche Einschränkungen das zunächst Sinnvolle in einer starken Ausprägung mit sich bringen kann, um die Beziehung zu Gott immer inniger werden zu lassen:
Das Übliche in der Spiritualität
1. Dass Spiritualität meist von Gewohnheiten geprägt ist, kann Wachstum ausbremsen. Dabei haben wir hier auch ein langes Leben, damit sich um ihrer Lebendigkeit willen unsere Beziehung zu Gott
stetig weiterentwickeln kann – beflügelt von dem Reiz des neuen, bislang unentdeckten Terrains.
Die Tatsache, dass eine Bekehrung nur als Prozess lebenslanger Erneuerung lebendig ist, erscheint manchen zu unbequem. Gott sei`s geklagt bewirken 1000 Gottesdienste nicht unbedingt auffällig,
dass wir Gottes Nähe im Alltag mehr spüren, weniger von Ängsten in Anspruch genommen werden - und was sonst an Früchten des Glaubens in unserem Leben gewachsen sein könnte.
2. Wir sind es gewohnt, Besonderes vor allem von bestimmten Zeiten und Veranstaltungen zu erwarten. Deswegen gehört Meditation, die permanent in das Alltagsgeschehen integriert ist, nicht zu weit
verbreiteten Praktiken.
Überhaupt scheint uns nur Vorzeigbares bedeutsam, obwohl sich doch das Entscheidende in der Verborgenheit unseres Herzens ereignet.
3. Wir sind von Autoritäten abhängig, die uns zeigen sollen, welche Wege wir spirituell gehen sollen, statt auf die Stimme unseres Herzens zu hören. Da der Anpassungsdruck eine große Rolle spielt, haben es innovative Neuerungen schwer.
4. In unserer Beziehung zu Gott sind wir sehr rededominant, obwohl wir deutlich weniger zu sagen haben. Tendenziell sprechen viele Gott vorrangig an, um seine Hilfe zu erbitten. Was würden wir von einem Kind denken, dass das Gespräch mit den Eltern vor allem dann sucht, wenn es Geld braucht.
5. Die für die Beziehung zu Gott förderliche Reduzierung der Reize dieser Welt fällt uns schwer. Das könnte u.a. an der Neigung liegen, dass uns die Beschäftigung mit tieferen Schichten unserer Persönlichkeit zu heikel erscheint. Das fördert Oberflächlichkeit.
Eingeschränkte Perspektiven
6. Wir sind insgesamt so sehr mit der Bewältigung von Problemen und Hindernissen beschäftigt, dass wir viele der Geschenke Gottes nicht erkennen und ergreifen. Wenn wir im Vertrauen in die unermessliche Liebe Gottes konsequent einen Schritt weiter gehen könnten, übernimmt unser angeschlagenes Selbstbild. Damit verkleinert sich unser Bild von Gott.
7. Am liebsten wäre es uns aufgrund unseres Sicherheitsbedürfnisses, alles mit unserem Verstand kontrollieren zu können. So trauen wir unseren Gefühlen wenig, obwohl sie für unsere Entscheidungen ausschlaggebend sind. Eine Liebesbeziehung, in denen keine starken Gefühle gespürt werden können, ist nicht mal eine halbe Sache.
8. Um unser komplex daherkommendes Leben besser kontrollieren zu können, streben wir Vereinfachungen an. Das führt dazu, dass wir auf schnelle Antworten versessen sind, einfache aber unzulängliche Kausalzusammenhänge bevorzugen, ständig bewerten und beurteilen. Wir denken oft dualistisch in Kategorien wie richtig oder falsch sowie gut und böse. So sind wir dem griechischen Denken verhaftet. Die die Bibel festgehalten haben, dachten jedoch hebräisch. Und bei alledem erkennen wir ungern an, dass sich unsere Denkweise von der göttlichen himmelweit unterscheidet.
9. Die Frage nach dem richtigen Tun nimmt uns so in Anspruch, dass wir übersehen, dass das gar nicht die bedeutungsvollste Frage ist. Besonders in den Evangelien wird veranschaulicht, dass entscheidend ist, mit welcher Herzenshaltung wir unterwegs sind.
Unser fragiles Verhältnis zur Liebe – vgl. „geliebtes“
10. Wir gestehen uns schwer ein, dass unser Herz in Beziehungen an nicht weniger als an Liebe interessiert ist. Wir nähern uns – gebeutelt von negativen Erfahrungen - dem Thema Liebe mit gedämpften Erwartungen.
11. Eine bedingungslose Liebe, die von den Resultaten unseres Denkens, Fühlens und Handelns völlig unabhängig ist, scheint uns wirklichkeitsfremd. Das liegt zum einen an Erfahrungen mit Liebesbeziehungen, denen auch etwas Berechnendes anhaften könnte. Zum anderen ist uns die Leistungsorientiertheit zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen.
12. Wir zögern, unsere Beziehung zu Gott wie eine Liebesbeziehung zu leben und einzusehen, dass sie nur als solche das ist, was es sein soll und sein könnte.
Unsere Begegnungen mit unserem Gott hätten etwas von einem Rendezvous, auf das wir mit Freude zugehen. Es wäre die unverzichtbare Rahmung unseres Gespräches mit Gott, ihm immer wieder zu sagen,
dass wir ihn lieben. (Für unsere zwischenmenschliche LIebe halten wir das auch dann für bedeutsam, wenn der andere es ja schon weiß.) Es würde uns mehr als anderes interessieren, wie sich die
Liebe zu Gott im Nehmen und Geben ausdrückt.
Wie wir uns wahrnehmen – vgl. „wertvolles“
13. Besonders defizitorientiert sind wir gegenüber uns selbst. Wenn wir jedoch uns selbst nicht schätzen, können wir andere nur mit Vorbehalt lieben – nicht einmal Gott.
14. Wenn wir mit uns selbst wenig im Einklang sind, könnte an einer Selbstwahrnehmung liegen, die von der Trennung zwischen Körper, Seele und Geist bestimmt ist. Deshalb ist es uns auch – oft nicht einmal als Zielstellung – vertraut, Gottes Nähe und Liebe im Alltag auch körperlich zu spüren.
15. Wir sind so sehr von Außenreizen bestimmt, dass es uns schwerfällt, im Alltag zu uns zu kommen und unsere Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Deshalb steht es mit einem guten Körpergefühl nicht zum Besten, das uns auch ermöglichen würde, von Gott mehr zu spüren.
Fern ab von Leichtigkeit – vgl. „Kind“
16. Die Leichtigkeit eines kleinen Kindes scheint uns von unserer von Verantwortlichkeiten geprägten Lebenswirklichkeit sehr weit entfernt. Deswegen gehen Momente, in denen alles so sein darf, wie es ist, an uns unbemerkt vorbei.
17. Manchmal scheuen wir aus Angst vor Frustrationen es so sehr, zu vertrauen, dass das Misstrauen unsere Persönlichkeit kontaminiert. Wir zögern, mit dem inneren Kind Kontakt aufzunehmen, weil wir fürchten, dass deren bedürftige Seite uns überwältigt. Dann bleibt uns der Zugang zu dem liebesgesättigten Kind in uns verschlossen.
18. Die gewohnte Ausrichtung auf Selbstoptimierung hat auch vor unserer Spiritualität nicht Halt gemacht. So kann auch dieser Bereich unseres Lebens zu einem Wettbewerb verkommen. Von der Leistungsorientiertheit dieser Welt bestimmt, ist oft auch unsere Beziehung zu Gott von Imperativen geprägt. Doch an diesen scheitern wir meistens, weil das Unbewusste das Sagen hat. Dabei übersehen wir, dass gewünschte Veränderungen nur möglich sind, wenn wir ganz von der Liebe erfüllt sind. Dann ist uns nichts wichtiger, als diese zu erwidern.
Wahrscheinlich wirst du dich längst nicht allen 18 Punkten wiederfinden. Doch wenn du etwas von den verbliebenen Barrieren schrittweise überwindest, öffnet sich eine Tür zu neuen spirituellen Erfahrungen. Lasst uns dafür einander Weggefährten sein.