1. Die Ängste unter Quarantäne stellen

Dietmar: In aller Munde ist, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Deswegen wird berechtigterweise im Verdachtsfall der ganze Mensch unter Quarantäne gestellt.
Das hält allerdings die Angst nicht davon ab, sich ungehindert und in Windeseile auszubreiten: von Mund zu Mund und mit viel medialer Unterstützung.

 

Svenja: Da sind ja viele verschiedene Ängste unterwegs. Nicht nur um die Gesundheit, sondern auch um den Beruf und die finanzielle Absicherung. Auch die Angst zu vereinsamen betrifft manche.

 

Dietmar: Sie breiten sich umso schneller aus, als wir viel Zeit haben, ihnen nachzugehen – und wenig Bewusstsein, uns den Ängsten entgegenzustellen. Das schwächt natürlich unser Immunsystem an Leib und Seele und macht uns irgendwie anfälliger für all das, was wir befürchten.
Deswegen ist es so wichtig, den schrecklichen Siegeszug der Angst aufzuhalten. Wenn es mir zustände, die 10 biblischen Gebote durch ein elftes zu ergänzen, würde ich wählen: „Mache deinem Nächsten keine Angst.“

 

Svenja: Weshalb verstoßen wir dagegen immer wieder?

 

Dietmar: Vielleicht nur aus Gewohnheit oder weil wir irrtümlich denken, wir würden etwas davon los, indem wir es weitergeben. Und ein noch ärgerer Gedanke kann vorkommen: weshalb soll der andere angstfrei, ja unbekümmert herumlaufen, während ich mich ängstlich verkrieche.
Es ist uns vertraut, dass geteiltes Glück doppeltes Glück ist. Das trifft leider auch für die Angst zu. Im Aussprechen und Austauschen breitet sich die Angst noch mehr in uns aus. Wir sind dann über die Angst miteinander verbunden. Viel heilsamer wäre, wenn wir Vertrauen, Hoffnung und Liebe miteinander teilen würden – die drei Kräfte, mit denen wir laut Bibel alles (sogar den Tod) überdauern können.  

 

Svenja: Im Grunde wollen wir ja gerade in der Krise einander Gutes tun, z.B. achten viele in der Nachbarschaft darauf, ob jemand Unterstützung beim Einkaufen oder dgl. braucht.

 

Dietmar: Das ist sehr zu begrüßen. Und da der Mensch nicht vom Brot allein lebt, geht es ebenso darum, zu ermutigen und Zuversicht zu vermitteln. Wenn wir mit anderen elektronisch in Kontakt sind oder wir uns mit Sicherheitsabstand über den Weg laufen, sollten wir nicht unsere Angst dem Mitmenschen ins Herz husten. Vielmehr verdienen es – im Bilde gesprochen – unsere Ängste, unter Quarantäne gestellt zu werden. Stattdessen können wir darüber sprechen, worauf wir vertrauen können.  

 

Svenja: Und wenn man sich nun mal von den Ängsten sehr bedrängt fühlt und es nicht gut aushält, mit ihnen alleine zu sein?  

 

Dietmar: Einmal darüber sprechen kann helfen. Dann könnte man z.B. die Telefonseelsorge anrufen. Aber beachten wir, dass viel darüber reden nicht viel hilft, sondern gar nicht. Eine andere Möglichkeit ist, all die Befürchtungen mal aufzuschreiben und dann den Zettel zu vernichten oder wegzuschließen – an einen Ort, den man im Alltag gut umgehen kann. .  

 

Wir können auch unsere Vorstellungskraft nutzen. Man stelle sich einen schweren Tresor vor Augen. Dort legt man die Angst hinein und verschließt die Tür so sicher wie das mit Tresoren möglich ist. Natürlich sollte man den Schlüssel und die Zahlenkombination nicht mit sich herumtragen. Wenn wir uns dann nochmal mit den Ängsten beschäftigen wollen und den Tresor öffnen, sollte wir gewappnet zu sein, also ausreichend Vertrauen getankt haben. 

 

Svenja: Manche halten die Angst jedoch für notwendig und unverzichtbar, um uns von Leichtfertigkeit abzuhalten.  

 

Dietmar: Das erscheint nur auf den ersten Blick einleuchtend. Im Neuen Testament wird dem Geist der Furcht die Kraft, Liebe und Besonnenheit gegenübergestellt (vgl. 1. Tim. 1, 7). Ängste sind bekanntlich schlechte Ratgeber. Sie haben nicht den Durchblick für das wirklich Sinnvolle und ausreichend Durchdachte. Dagegen stärkt die Besonnenheit jenes Verantwortungsgefühl, das wir so sehr brauchen. Durch Angst schwächen wir unsere Seele. Indem wir mit uns mit dem Bedrohlichen so intensiv beschäftigen, wird es immer größer. Dagegen werden wir durch Besonnenheit gestärkt – und alle, mit denen wir irgendwie verbunden sind. 

 

Svenja: So wäre Besonnenheit ein Stichwort, um klug, ja weise zu agieren und zu reagieren?

 

Dietmar: Ja, es ist ein Gegengewicht, um sich nicht von Befürchtungen beherrschen zu lassen. So stellen wir uns gegen die Pandemie der Angst. Dies ist in diesen Wochen besonders wichtig.